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Tattooentfernung & Pigmentlaser

Echter Pico oder Q-Switch? Woran man den Unterschied wirklich erkennt

Fachartikel · ca. 8 Minuten Lesezeit · Stand: Juli 2026 · Autor: René Pfister, dipl. Ing. HTL/FH, Exec. MBA

Echter Pico oder Q-Switch: woran man den Unterschied wirklich erkennt

Die kurze Antwort

«Pico» bezeichnet die Pulsdauer: eine Pikosekunde ist der billionstel Teil einer Sekunde — tausendmal kürzer als eine Nanosekunde. Echte Picosekundenlaser sind aufwändig gebaute Präzisionsmaschinen und entsprechend teuer und schwer. Vieles, was günstig als «Pico» verkauft wird, ist in Wahrheit ein Nanosekundenlaser mit neuem Etikett — erkennbar an unplausiblen Energieangaben, widersprüchlichen Datenblättern und Formulierungen wie «bis zu 300 ps». Die gute Nachricht: Ein hochwertiger Q-Switch-Nd:YAG mit wenigen Nanosekunden entfernt Tattoos zuverlässig — moderne Systeme mit PTP-Doppelpuls kommen den Resultaten echter Picotechnologie nahe — und ist jedem falschen Pico vorzuziehen.

Was «Pico» physikalisch bedeutet

Bei Lasern zur Tattooentfernung bezeichnet die Pulsdauer, wie lange der einzelne Lichtblitz dauert. Q-Switch-Laser arbeiten im Nanosekundenbereich (milliardstel Sekunden), Picosekundenlaser im Pikosekundenbereich (billionstel Sekunden) — nochmals rund tausendmal kürzer. Je kürzer der Puls bei gleicher Energie, desto höher die Spitzenleistung und desto stärker der photomechanische Effekt: Das Pigment wird nicht primär erhitzt, sondern durch die Druckwelle in feinste Partikel zersprengt, die der Körper abtransportieren kann. Kürzer ist also tendenziell besser — die Formulierung mancher Anbieter «bis zu 300 ps» verrät übrigens, dass sie das selbst nicht verstanden haben: Sie suggeriert, mehr Pikosekunden seien besser.

 

Warum echte Picolaser teuer, schwer und selten sind

Pulse im Pikosekundenbereich zu erzeugen ist konstruktiv aufwändig: Gängige Systeme koppeln beispielsweise zwei Nd:YAG-Stufen, um auf rund 300 ps und Spitzenleistungen im Gigawatt-Bereich zu kommen. Solche Maschinen wiegen oft weit über 100 Kilogramm — nicht aus Nostalgie, sondern weil die Strahlführung Abweichungen von tausendstel Millimetern nicht verzeiht: Gehäusestabilität, Linsenqualität und Präzision der Laserarme entscheiden über Strahlhomogenität und damit über das Behandlungsergebnis. Die realistische Ausgangsenergie echter Picolaser liegt typischerweise bei 200 bis 500 mJ. Das alles hat seinen Preis — deutlich über dem, was manche Online-Angebote suggerieren.

 

Ist Pico automatisch besser? Die ehrliche Einordnung

Vergleichsstudien zeichnen ein differenziertes Bild: Bei schwarzen und blauen Tattoos erreichen Picosekundenlaser häufiger hohe Aufhellungsgrade als Nanosekundenlaser, die Behandlung ist tendenziell etwas weniger schmerzhaft, das Risiko von Pigmentverschiebungen tendenziell geringer — und in der Praxis spart man oft ein bis zwei Sitzungen. Das sind echte Vorteile. Aber sie sind kein Automatismus: Für gewisse Pigmente kann der ultrakurze Puls schlicht «zu schnell» sein — manche Partikel sprechen auf die etwas längere Einwirkzeit eines guten Nanosekundenpulses ebenso gut an. Und bei mehrfarbigen Tattoos sind die Resultate mit beiden Technologien begrenzt — hier entscheidet nicht die Pulsdauer über Erfolg oder Misserfolg. (u. a. randomisierte Vergleichsstudie an 49 Patienten, JEADV 2017; Split-Studie JEADV 2022)

Aufschlussreich ist auch die Geschichte der Technologie: Der erste Picosekundenlaser der ästhetischen Medizin war ein Alexandrit-System mit 755 nm — mit den bekannten Grenzen dieser Wellenlänge bei der Farbabdeckung. Abhilfe schufen Wellenlängen-Aufsätze, etwa für 1064 nm — die allerdings viel Leistung kosten. Auch die edelste Technologie ist am Ende ein Kompromiss aus Pulsdauer, Wellenlängen und Leistung. Pico ist ein Werkzeug mit klaren Stärken — kein Wundermittel.

 

«Für alle Farben»: Was hinter dem Versprechen steckt

Fast alle Tattoo-Laser am Markt — unsere eingeschlossen — arbeiten nach demselben Grundprinzip: Die Basis ist ein Nd:YAG-Modul mit 1064 nm, ideal für dunkle Pigmente. Für Rot- und Orangetöne wird im Lasermodul mechanisch ein KTP-Kristall in den Strahl geführt, der die Frequenz verdoppelt: 532 nm. Dieser Schritt kostet konstruktionsbedingt rund die Hälfte der Leistung. Die Aufsätze für weitere Farben — Grün, Gelb, Hellblau, allenfalls Violett — setzen auf dem 532-nm-Strahl auf und wandeln ihn nochmals um, mit weiterem Leistungsverlust. Das ist keine Schwäche einzelner Hersteller, sondern Physik — und sie gilt für jedes Gerät am Markt, egal was der Prospekt verspricht.

Die praktische Konsequenz: Die Mehrfarben-Fähigkeit ist real und sinnvoll — aber sie steht und fällt mit der Leistungsreserve des Generators und einer verlustarmen Optik. Vom Generator bis zum Strahlaustritt wird der Strahl mehrfach umgelenkt, und jede Umlenkung ohne Präzisionsoptik kostet Energie — Energie, die am Ende genau dort fehlt, wo sie am knappsten ist: beim hellen Pigment nach zweifacher Umwandlung. Hier trennt sich die Qualität — nicht beim Farbversprechen auf dem Prospekt, das überall gleich klingt, sondern bei dem, was nach Kristall, Aufsatz und Optik noch am Pigment ankommt. Genau darauf achten wir bei der Auswahl unserer Systeme: gleiche Möglichkeiten wie alle — aber mit dem Generator und der Optik, die sie auch tragen.

 

Die Tricks der Pico-Kopien

  • Unplausible Energie: Ein «Picolaser» mit 1000 mJ oder mehr sollte Sie stutzig machen — solche Werte passen nicht zur Physik echter Pikosekundensysteme.
  • Das Umrechnungsspiel: 7 Nanosekunden lassen sich auch als 7000 Pikosekunden schreiben. Manche Anbieter machen daraus «700 ps» — und nennen es auf Nachfrage einen Druckfehler. Verkauft wird ein Nanosekundenlaser im Pico-Kostüm.
  • Widersprüchliche Datenblätter: Wenn ein Gerät als «Alexandrit» beworben wird, im Datenblatt aber 1064 nm steht (die Nd:YAG-Wellenlänge), stimmt etwas Grundsätzliches nicht.
  • Bekannte Optik, unbekannter Inhalt: Gehäuse und Menü renommierter Geräte werden kopiert — was im Resonator steckt, ist eine andere Frage. Niemand misst nach; alle sind im Pico-Glauben.

 

Warum das mehr als Wortklauberei ist

Unregelmässige Energieabgabe und schlechte Strahlhomogenität sind keine Schönheitsfehler — sie führen in der Praxis zu Narbenbildung und Pigmentschäden, wie sie uns aus Berichten über missglückte Tattoo- und Permanent-Make-up-Entfernungen immer wieder begegnen. Auch die Versicherungsbranche hat sich hier weiterentwickelt: Inzwischen gibt es Haftpflichtlösungen — etwa der Mobiliar —, die sich direkt auf die zwölf Behandlungen des V-NISSG-Sachkundenachweises beziehen (über Artmed mit Rabatt erhältlich). Die Grundlogik bleibt dabei dieselbe: Versichert wird seriöses Arbeiten mit belegbaren Geräten und nachgewiesener Sachkunde. Wer mit einem nicht belegbaren Gerät behandelt, riskiert im Schadenfall den Versicherungsschutz.

 

Die ehrliche Alternative: ein guter Q-Switch

Die vielleicht wichtigste Botschaft dieses Artikels: Für die allermeisten Tattooentfernungen leistet ein hochwertiger Q-Switch-Nd:YAG mit wenigen Nanosekunden zuverlässige Arbeit — mit sauberer Strahlqualität, stabiler Energieabgabe und belegten Spezifikationen. Ein guter Nanosekundenlaser ist jedem falschen Picolaser vorzuziehen. Echte Picotechnologie hat ihre Berechtigung, besonders bei hartnäckigen Farben und Restpigmenten — aber sie hat ihren Preis, und wer diesen Preis nicht bezahlen will, fährt mit ehrlicher Nanotechnologie besser als mit erfundener Picotechnologie.

Moderne Q-Switch-Systeme holen dabei zusätzlich auf: Im PTP-Modus gibt das Gerät zwei Pulse in so kurzer Folge ab, dass sich über dem Pigment noch keine Vakuole (Gasbläschen) bilden kann, die den zweiten Puls abschirmen würde. Die Doppelwirkung zertrümmert das Pigment deutlich effektiver — die Resultate nähern sich denen echter Picotechnologie an.

Und weil der Markt nun einmal «Pico» verlangt — oft ohne zu wissen, was das bedeutet, aber selten bereit, den Preis echter Picotechnologie zu bezahlen —, gehen wir bei Artmed einen transparenten Weg: Wir benennen die Pulsdauern offen. Unser Long-Pico (RenPico Smart CXL) arbeitet mit 3000–5000 ps — also 3–5 Nanosekunden — plus PTP-Modus, unser Real-Pico (RenPico Smart CXS) mit echten 300–400 ps. Beide Angaben stehen so im Datenblatt und halten jeder Messung stand. Der Unterschied zu manch anderem Anbieter ist nicht das Wort «Pico» im Namen — sondern dass bei uns dabeisteht, was es bedeutet.

 

Die Prüfliste vor dem Pico-Kauf

  • Pulsdauer schriftlich und mit Einheit bestätigen lassen — und die Plausibilität prüfen (ps vs. ns).
  • Energieangabe hinterfragen: Passt sie zur behaupteten Pulsdauer?
  • Wellenlängen im Datenblatt mit der Produktbezeichnung abgleichen.
  • Messprotokoll verlangen — oder die Messung im Beisein durchführen lassen.
  • Gewicht und Aufbau erklären lassen: Präzisionsoptik hat Masse.
  • Versicherbarkeit klären: Akzeptiert Ihre Haftpflicht das Gerät?

 

Häufige Fragen (FAQ)

 

Ist ein Picolaser besser als ein Q-Switch-Laser?

Bei schwarzen und blauen Tattoos zeigen Studien Vorteile für Picotechnologie: höhere Aufhellungsraten, tendenziell weniger Schmerz, geringeres Pigmentverschiebungsrisiko — oft ein bis zwei Sitzungen weniger. Für gewisse Pigmente kann der ultrakurze Puls aber auch «zu schnell» sein, und bei mehrfarbigen Tattoos sind beide Technologien limitiert. Ein guter Q-Switch mit PTP-Modus liefert zuverlässige Resultate — und ist jedem falschen «Pico» klar vorzuziehen.

 

Woran erkenne ich einen falschen Picolaser?

An unplausiblen Kombinationen: sehr tiefer Preis, sehr hohe Energieangaben (1000 mJ+), widersprüchliche Wellenlängen im Datenblatt, «bis zu 300 ps»-Formulierungen — und daran, dass der Anbieter kein Messprotokoll vorlegen kann.

 

Was bedeutet «bis zu 300 ps»?

Wörtlich genommen wäre das eine Obergrenze — dabei sind bei Pulsdauern kürzere Werte besser. Die Formulierung zeigt meist, dass Marketing statt Physik am Werk war. Seriöse Angaben nennen die tatsächliche Pulsdauer mit Toleranz.

 

Wie viele Sitzungen braucht eine Tattooentfernung?

Je nach Farbe, Stichtiefe, Pigmentmenge und Hauttyp meist zwischen 6 und 12 Sitzungen, mit mehrwöchigen Abständen. Seriöse Anbieter machen keine Pauschalversprechen — und klären vorab über realistische Erwartungen auf.

 

Was ist der PTP-Modus?

PTP steht für einen Doppelpuls-Betrieb: Zwei Laserpulse folgen so schnell aufeinander, dass sich über dem Pigment noch keine abschirmende Vakuole bilden kann — beide Pulse wirken voll auf das Pigment. Gute Nanosekundenlaser erreichen damit eine Zertrümmerungswirkung, die echter Picotechnologie nahekommt.

 

Was bedeutet Long-Pico und Real-Pico?

Unsere transparente Benennung der Pulsdauern: Long-Pico bezeichnet Systeme mit 3000–5000 ps (3–5 ns) plus PTP-Modus, Real-Pico echte Picosekundentechnik mit 300–400 ps. Beide Werte stehen im Datenblatt und sind messbar — genau diese Offenheit fehlt vielen «Pico»-Angeboten.

 

Kann ein Laser wirklich alle Tattoofarben entfernen?

Dunkle Pigmente (Schwarz, Dunkelblau) sprechen am besten an (1064 nm), Rot und Orange gut auf 532 nm. Für Grün, Gelb und Hellblau gibt es Farb-Aufsätze — sie funktionieren, arbeiten aber prinzipbedingt mit reduzierter Leistung, weshalb Generatorreserve und Optikqualität hier entscheidend sind. Mehrfarbige Tattoos brauchen mit jeder Technologie mehr Sitzungen und realistische Erwartungen.

Rene´s Praxiserfahrung

Die Tattoo- und Permanent-Make-up-Entfernung gehört zu meinen eigenen Behandlungs-Spezialgebieten — ich kenne diese Arbeit aus erster Hand, nicht nur aus der Theorie. Dieses Thema beschäftigt uns bei Artmed seit Jahren — unser Knowledge Report «Alles Pico oder was?» stammt bereits von 2019, und er ist aktueller denn je. Was wir seither beobachten: Die Kopien sind besser verpackt, aber die Physik ist dieselbe geblieben. Wenn uns ein «Picolaser» mit 1000 mJ und Kampfpreis angeboten wird, wissen wir, was drin steckt — und wir haben solche Geräte bewusst nie ins Programm genommen. In den Schulungen zur Tattooentfernung, auch für Ärztinnen und Ärzte, sehen wir regelmässig die Folgen unregelmässiger Energieabgabe: Narben, die vermeidbar gewesen wären. Unsere Linie ist deshalb seit Jahren dieselbe: lieber ein ehrlicher, vermessener Nanosekundenlaser als ein erfundener Pico. Bei unseren Geräten ist drin, was draufsteht — das lassen wir uns per Messung bestätigen.

Portrait Rene redrot 1.png

Über den Autor

"René Pfister ist Elektroingenieur FH und Exec. MBA (Universität St. Gallen), Gründer der Artmed GmbH (seit 2002) und Dozent an der Laserschule Schweiz. Er unterrichtet nahezu alle Module des V-NISSG-Sachkundenachweises, ist Experte für Prüfungsabnahmen und Autor mehrerer Fachbücher über Lasertechnologie. Über die Laserschule Schweiz bildet er zudem Laserschutzbeauftragte aus — für Industrie, Pharma, Spitäler, Polizei und Bundesstellen. Er schult auf allen Gerätetypen und behandelt selbst — mit den Spezialgebieten Tattooentfernung, Permanent-Make-up-Entfernung und vaskuläre Läsionen. Denn nur wer die Behandlung aus eigener Hand kennt, kann sie glaubwürdig lehren. Seit über 20 Jahren steht Artmed für geprüfte, vermessene und persönlich betreute Lasersysteme im Schweizer Markt."

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